Washington | Patentkrimi ums Telefon: Bell setzt sich mit List durch
Vor 150 Jahren
Washington (dpa) - Vor 150 Jahren erlebte das US-Patentamt in Washington D.C. dramatische Szenen, die die Technikgeschichte prägten. Am kalten Valentinstag, dem 14. Februar 1876, reichten Alexander Graham Bell und Elisha Gray fast zeitgleich Unterlagen ein, die das Ende der räumlichen Distanz durch das Telefon versprachen. In diesem beispiellosen Patentkrimi setzte sich der gebürtige Schotte Bell mit technischem Genie und juristischer Skrupellosigkeit durch. Im Wettstreit um den Titel «Vater des Telefons» blieb auch der deutsche Erfinder Johann Philipp Reis auf der Strecke, der vor allem in seiner hessischen Heimat als Telefonerfinder gilt.
Zwei Stunden entscheiden über das wertvollste Patent aller Zeiten
Elisha Gray verlor, weil er seine Papiere nach Bell einreichte. Bells Anwalt übergab den Antrag für ein «Verfahren zur Übertragung von Sprache oder anderen Tönen durch telegrafische Wellen» am Vormittag. Zwei Stunden später klopfte Grays Vertreter an dieselbe Tür, um ein Caveat (eine vorläufige Patentanmeldung) einzureichen, um seine Idee für ein Jahr zu schützen. Wäre die Reihenfolge umgekehrt gewesen, hätte Gray vermutlich das wertvollste Patent aller Zeiten erhalten.
Manche Experten meinen, dass auch in dieser Reihenfolge Gray hätte gewinnen müssen. Historiker streiten bis heute über die Rolle des Patentbeamten Zenas Fisk Wilber. Es steht der Vorwurf im Raum, Bell habe Wilber bestochen und Einblick in Grays geheime Voranmeldung erhalten. Am 7. März 1876 erhielt Bell das Patent Nr. 174 465 für die «Methode und den Apparat zur telegrafischen Übermittlung von gesprochenen und anderen Geräuschen durch elektronische Wellenbewegungen».
Vorwurf des Ideenklaus
Bell beschreibt darin, wie man Sprache überträgt. Bis dahin hatte er jedoch noch nie ein funktionierendes Gespräch geführt. Das gelang erst drei Tage nach der Patenterteilung am 10. März 1876. Es steht der Verdacht im Raum, dass Bell sich beim geistigen Eigentum seines Widersachers bediente, um sein Telefon endlich zum Laufen zu bringen. Bells erster erfolgreicher Satz – «Mr. Watson, come here, I want to see you!» – wurde nur übertragen, weil er das Flüssigkeitsmikrofon nutzte, das Gray beschrieben hatte.
Warum war Bells Ansatz dem von Philipp Reis überlegen? Reis hatte 1861 der Physikalischen Gesellschaft in Frankfurt einen Fernsprecher präsentiert. Der Fantasie-Satz «Das Pferd frisst keinen Gurkensalat» soll bei einer der ersten Vorstellungen durch den Apparat geschickt worden sein. Aber das Gerät funktionierte nur in eine Richtung – antworten ging nicht.
Bells Telefon funktionierte in beide Richtungen. Außerdem unterschieden sich die physikalischen Prinzipien der Tonübertragung. Der hessische Bäckersohn Reis nutzte das Unterbrecherprinzip, das den Strom ein- und ausschaltete, ähnlich einem Morse-Alphabet. Das reichte für Rhythmus und einfache Melodien, aber die feinen Oberschwingungen der menschlichen Sprache gingen im mechanischen Klackern verloren.
Konzept von Bell überlegen
Bell verstand, dass Sprache als kontinuierliche Welle gesehen werden muss. Sein Apparat nutzte den wellenförmigen Strom und wandelte Schalldruck in analoge elektrische Spannungsschwankungen um. Dieser Wechsel von digitaler Logik (an/aus) zur analogen Kontinuität markierte die Geburtsstunde der modernen Telekommunikation. Bell übertrug nicht nur Informationen, sondern die menschliche Stimme mit all ihrer Emotion und Individualität. Auch im Verhältnis zu Reis steht der Vorwurf des Ideenklaus im Raum, da Bell die Konzepte des deutschen Tüftlers kannte.
Reis konnte sich im Wettstreit mit Bell nicht mehr juristisch wehren. Er starb 1874, zwei Jahre vor Bells Patentantrag, im Alter von 40 Jahren an Tuberkulose.
Gray verkaufte sein Know-how an die mächtige Western Union, die damals den Telegrafen-Markt dominierte. Western Union gründete eine eigene Telefongesellschaft und ignorierte Bells Patent. Bell klagte wegen Patentverletzung und setzte sich vor Gericht durch. Nach dem juristischen Erfolg folgte der wirtschaftliche Aufstieg. Aus dem kleinen Start-up Bell Telephone Company, das auf einem umstrittenen Patent basierte, entwickelte sich das mächtigste Kommunikationsmonopol der Welt: AT&T.
Riesige Gewinne ermöglichen Grundlagenforschung
Aus Bells Patent entstand ein Konzern, der die USA und die Welt technologisch dominierte. Ohne die Gewinne aus dem Geschäft mit Millionen von Kunden wären Meilensteine wie der Computerchip oder das Mobiltelefon vielleicht erst Jahrzehnte später erfunden worden. AT&T betrieb ab 1925 in den Bell Telephone Laboratories eine Grundlagenforschung, die weit über das Telefonieren hinausging. Hier entstanden Meilensteine der Technikgeschichte, darunter der Transistor (1947) und das Betriebssystem Unix, das heute in jedem Smartphone steckt.
Das Monopol wurde so mächtig, dass die US-Regierung wegen Kartellrechtsverstößen eingriff. 1984 wurde AT&T zerschlagen.
Alexander Graham Bell zog sich früh aus dem operativen Geschäft zurück. Er war am Ende eher genervt von seiner Erfindung – in seinem Arbeitszimmer ließ er angeblich kein Telefon zu, weil es ihn bei der Arbeit störte.
© dpa-infocom, dpa:260208-930-657178/1
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